Was macht die Füchse eigentlich so stark?

Frank 22. März 2012 1
Was macht die Füchse eigentlich so stark?

Vor der Saison waren sich viele Experten einig, dass die Berliner diese Saison aufgrund der Doppelbelastung aus Meisterschaft und Champions League nicht in der Lage sein würden, den Erfolg aus dem Vorjahr zu wiederholen geschweige denn zu toppen. Ich muss zugeben, dass auch ich dieser Meinung war. Selbst Manager Bob Hanning stapelte in Erwartung einer knallharten Saison tief und gab als Ziel (nur) einen Platz im oberen Tabellendrittel aus. Pustekuchen! Das Team von Trainer Dagur Sigurdsson marschiert weiter als ärgster Verfolger des THW Kiel durch die Bundesliga und meistert die Hammer-Gruppe in der Champions League.

Das Ganze mit einem Etat, der maximal halb so groß sein dürfte wie der derjenigen Mannschaften, mit denen sie sich sportlich auf Augenhöhe befinden. Wie z.B. der HSV Hamburg. Den deutschen Meister haben sie in der Bundesliga schon überholt und nach dem 32:30-Sieg im Achtelfinal-Hinspiel stehen die Chancen gut, den HSV aus dem Wettbewerb zu werfen und das Viertelfinale in der EHF Champions League zu erreichen. Eine unglaubliche Entwicklung des Berliner Handballs: In der Bundesliga sind die Füchse erst in ihrem fünftem und in der Champions League in ihrem ersten Jahr überhaupt.

Worin liegt denn nun eigentlich das Geheimnis des Berliner Handball-Erfolgs?

Bob Hanning formte mit einem Etat von ca. 4,8 Millionen Euro ein Ensemble, das sich schon in ihrem vierten Bundesliga-Jahr nach dem Aufstieg 2005/2006 für die Champions League qualifizierte. Damit ließen die Hauptstädter auf der sportlichen Ebene einige Vereine hinter sich, die im finanziellen Vergleich deutlich stärker sind als die Füchse. Angesichts dieses Vergleichs muss man Bob Hanning für die Zusammenstellung des Kaders ein sehr gutes Händchen attestieren. Und einen guten Riecher: denn der Erfolg der Füchse begann auch mit der Verpflichtung der damals noch unbekannten Spieler Bartlomiej Jaszka und Michal Kubisztal im Dezember 2007. Bob Hanning erkannte als Erster das große Potential der beiden Rückraumspieler von MKS Zaglebie Lubin. Während es Kubisztal letztes Jahr zurück nach Polen zog, ist Jaszka nachwievor ein zentraler Baustein des Berliner Spiels. Jaszka ist in Berlin zu einem der besten Mittelspieler der Bundesliga gereift; eine Entwicklung, die sinnbildlich für die der Füchse steht.

Hinzu kommen die Verpflichtungen von Sven-Sören Christophersen und Alexander Petersson. Christophersen avanciert immer mehr zu einer konstanten Größe im Spiel und deutet an, dass er auch für höhere Aufgaben in der Nationalmannschaft gerüstet ist. Nach einem Eingewöhnungsjahr mit Höhen und Tiefen hat er nun seinen „Talent-Status“ endgültig abgelegt und die Führungsrolle eingenommen, die ihm als linker Rückraumspieler zugedacht war. Ein Indiz hierfür sind auch seine 65 Tore in elf Champions-League-Spielen, und damit Platz vier der Scorer-Liste. Zuletzt war er mit seinen acht Toren entscheidender Spieler in der Partie gegen (kämpferisch) stark verbesserte Hamburger.

Petersson gehört schon lange zu dem erlauchten Kreis etablierter Spieler, fehlte den Hauptstädtern aber zuletzt aufgrund einer schmerzhaften Schulterverletzung. Als Ersatz spielte sich Mark Bult in den Vordergrund. Der Niederländer gehört für mich zu den zuverlässigsten Spielern. Er bringt seine Leistung, wenn er gebraucht wird, sei es nur für einen Sieben-Meter oder für ein ganzes Spiel. Und er lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Selbst wenn er schlecht in ein Spiel startet oder dass wenn man von ihm eine Halbzeit nicht viel sieht, kann man sich sicher sein, dass er in entscheidenden Momenten Verantwortung übernimmt. Wenn sich andere Spieler zurückziehen, geht er voll aufs Gas und sucht die Entscheidung. So z.B. beim Heimspiel gegen Moskau oder im alles entscheidenden Spiel gegen Silkeborg, als er den letzten Sieben-Meter per Leger zum 28:27 in die Maschen legte. Bult gehört mit seiner ruhigen Art zu den meist unterschätzten Spielern in der Liga, zumal er gut in der Abwehr steht und vorne wenig Fehler macht. In Kombination mit Petersson haben die Füchse damit im rechten Rückraum eine ideale Konstellation gefunden. So haben die Füchse geschafft, Alex Petersson zu ersetzen, selbst in wichtigen Spielen wie dem Achtelfinal-Hinspiel. Mit Konstantin Igropulo kommt zur neuen Saison ein „adäquater“ Ersatz für den gebürtigen Letten. Es ist nicht vielen Vereinen möglich, einen derart starken Spieler davon zu überzeugen, den großen FC Barcelona zu verlassen. Es wird sicherlich eine Rolle gespielt haben, dass Iker Romero Gutes über die Berliner erzählen konnte. Für die Zukunft hat sich Hanning mit der Verpflichtung Igropulos seines größten Problems optimal entledigt. Linkshänder von Weltklasseformat wachsen schließlich nicht auf Bäumen.

Genauso wenig wie Kreisläufer mit dem Format eines Torsten Laen, der in Berlin seinen zweiten Frühling erlebt. Bei Ciudad Real war der Däne bereits ausgemustert, bei den Füchsen ist er vorne wie hinten unersetzbar. Seine Erfahrung, sein Einsatz und sein Mut, in entscheidenden Situationen Verantwortung zu übernehmen, machen den Kapitän zum Vorbild für seine Mitspieler, die sich an ihm orientieren und aufrichten können.

Dazu zählt insbesondere der junge Evgeni Pevnov, der immer mehr Spielzeiten am Kreis bekommt und sich gut entwickelt. Er trifft manchmal noch in der Abwehr die falsche Entscheidung oder antizipiert die Lauf- und Passwege seiner Gegenspieler falsch. Das kann er nur durch eigene Erfahrungen und Fehler lernen, die ihm der Trainer auch gestattet. In Zukunft wird Pevnov eine wichtige Säule im Spiel der Füchse.

Eine weitere Säule ist Silvio Heinevetter, der auch neben dem Platz durch seine kompromisslose Art aus der Reihe fällt. Er rüttelt die Mannschaft immer wieder auf und ist scheinbar nie zufrieden. Als Bedenkenträger und Einpeitscher ist er immens wichtig.

Der wohl wichtigste Mann und Garant für den sportlichen Erfolg steht an der Seitenlinie. Dagur Sigurdsson war als aktiver Spieler ein genialer Spielgestalter und Kopf der isländischen Nationalmannschaft. Als Trainer wirkt er besonnen und unaufgeregt, er konzentriert sich auf taktische Finessen. In den Auszeiten darf dazu nie die Taktiktafel fehlen, an der er Spielzüge erklärt und seinen Spielern Anweisungen erteilt. Seinem Spielmacher Jaszka gibt Sigurdsson viele Freiheiten – auch das hat dazu beigetragen, dass sich der Pole so gut als Mittelmann entwickeln konnte. Mit seinem konsequenten Führungsstil bildet Sigurdsson den genialen Partner für Manager Bob Hanning – in der Steuerung der Mannschaft und bei der personellen Ausrichtung des Vereins.

Als letzten Erfolgsfaktor möchte ich die Stadt Berlin erwähnen. Sie ist eine Sport-Metropole mit 81 Bundesligisten. Da ist es bemerkenswert, dass die Füchse sich bei all der Konkurrenz anderer Fußball-, Basketball- oder Eishockey-Spitzenklubs in der Hauptstadt profilieren können. Doch genau das ist ihnen gelungen, die nun heimische Max-Schmeling-Halle ist immer voll und eine der lautesten der Liga. Diese Kulisse und die Metropole Berlin waren gute Argumente, um Champions-League-Gewinner Iker Romero und Konstantin Igropulo vom Strand in Barcelona zu den Füchsen zu locken. Die Stadt und ihre Vorzüge machen den Arbeitgeber Füchse für Topspieler attraktiv. Und apropos Topspieler: selbst der größte Star im Handball ist in Berlin nur einer von vielen Profisportlern und Prominenten. Das erdet, relativiert und schafft die Basis für eine gesunde Team-Chemie.

 

 

 

 

 

Ein Kommentar »

  1. Schöne Analyse; mein Erstaunen über den andauernden Erfolg ist jetzt etwas geringer und dem “ist doch logisch” gewichen. Solche detaillierten Berichte würde ich mir in den allbekannten Medien auch mal wünschen!

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